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Arbeitskreis für interdisziplinäre Männer- und Geschlechterforschung -
Kultur-, Geschichts- und Sozialwissenschaften

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(© 1999-2009,
Erik Ründal)
 

 

Das folgende Interview erschien (leicht gekürzt) im Themenheft Männerforschung von ROSA: Die Zeitschrift für Geschlechterforschung. Historisches Seminar Universität Zürich, 25 (Oktober 2002) S. 10-13. Die Fragen formulierten Anja Suter und Joelle Turrian.


Interview mit M. Dinges


Herr Dinges, weshalb braucht es Männergeschichte? Geht es darum, die Geschlechtergeschichte zu vervollständigen?

Die Frauen- und spätere Geschlechtergeschichte hatte zunächst große Verdienste in der Neubewertung solcher Lebensbereiche, die die Geschichtswissenschaft seit etwa 1900 in die "Kulturgeschichte" abgeschoben hatte. Auch erschloß die Geschlechtergeschichte viele neue Themen. Daraus entwickelten sich schnell grundlegende Infragestellungen des gesamten Feldes der Geschichtswissenschaften. Das betrifft etwa die Bewertung dessen, was wichtig und unwichtig ist (große Politik vs. Hausarbeit). Es gilt auch für Probleme der Epochengliederung (nicht nur zur mittlerweile klassischen Frage, ob die Frauen eine "Renaissance" hatten) und führte zu einer Neudefinition zentraler Kategorien, etwa des Politischen. Trotz dieser weitgehenden Anregungen und vielfältigen Forschungserträge bleibt auch die neuere Geschlechtergeschichte hinsichtlich der Männer als Forschungsgegenstand oft etwas blass. "Männergeschichte" kann an diesem Punkt die vorhandenen Forschungen ergänzen, indem sie geschlechtsspezifische Erfahrungen der Männer in den Geschichtsdiskurs einbringt. Darin unterscheidet sie sich grundlegend von der alten Männergeschichte. An dieser wurde zu Recht kritisiert, daß sie scheinbar geschlechtslose Männer beschrieb, die nach angeblich allgemeinmenschlichen Gesetzmäßigkeiten agierten. Männer als gendered persons sichtbar zu machen, ist demgegenüber das Ziel der "neuen Männergeschichte". Dazu gehört die Offenheit, Themenfelder, die sich aus spezifischen Erfahrungen von Männern ergeben, aufzugreifen. Beispiele sind etwa die Besonderheiten der Jungensozialisation, der Pubertätsphase, der Arbeitswelt und der Haushaltsgründung, aber auch die Erfahrungen mit Gewalt: Weiterhin bleibt die Gewalt gegen Frauen und Kinder ein wichtiges Thema, zu beachten ist aber auch, daß die meiste Gewalt von Männern gegen Männer verübt wird. Unter den geschlagenen Kindern sind auch Jungen, die durch entsprechende Erfahrungen geprägt werden. Derartige Themenzuschnitte fehlen bisher in der historischen Gender-Forschung. In der "allgemeinen" Erziehungsgeschichte sind sie allerdings präsent.

Die Ergänzung zur bisherigen Frauen- und Geschlechtergeschichte betrifft aber auch einen zweiten Punkt: Bisher schrieben fast ausschließlich Frauen Geschlechtergeschichte. Dieser Zustand wurde bereits vor über zwanzig Jahren z. B. von N. Z. Davis als unbefriedigend empfunden. Bis Ende der 1990er Jahre hatte sich daran fast nichts geändert. Die Geschlechtergeschichte wird sicher lebendiger, wenn sich mehr Männer in diesem Forschungsfeld engagieren.

Schließlich könnte dies mittelfristig auch dazu beitragen, die grundlegenden Infragestellungen der Geschlechtergeschichte noch massiver in den Mainstream des Faches hineinzutragen. Jedenfalls wird die "neue Männergeschichte" nur gut sein, wenn sie sich als Geschlechtergeschichte versteht und an deren Stand anknüpft.


Wie kamen Sie zur Männergeschichte?

Da ich eine erfolgreiche berufstätige Mutter hatte, war ich früh für die geschlechtsspezifischen Disparitäten unserer Arbeitswelt und für Probleme der Vereinbarkeit von Beruf und Arbeit sensibilisiert. Bei der Arbeit an meiner Dissertation zur frühneuzeitlichen Armut störte mich Anfang der 1980er Jahre die unzureichende systematische Beachtung des Faktors "Geschlecht" als Armutsfaktor. Als ich 1987 zu den Ehrenhändeln im Paris des 18. Jahrhunderts forschte, fielen mir die geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Verhaltensstile auf: Frauen beleidigten anders als Männer und wurden anders beleidigt; gewalttätig waren beide Geschlechter – aber nicht im gleichen Ausmaß.[1] Auf eine Einladung von Frau Prof. H. Wunder (Kassel) nahm ich 1990 an einer kleinen "Frauentagung" zur Ehre teil. Das war intellektuell sehr anregend. Nicht zuletzt brachte es mir die interessante Erfahrung als "de facto-Quotenmann": Wie bei allen folgenden Frauengeschichtstagungen traf ich immer wieder zwei oder höchstens drei männliche Kollegen von den etwa fünf männlichen Historikern, die überhaupt an solchen Tagungen teilnahmen – fast hätte ich gesagt, "teilzunehmen wagten". Da lag es wohl sehr nahe, die "Männergeschichte" als völlig unterentwickelt und höchst entwicklungsbedürftig wahrzunehmen!


Sie arbeiten als Medizinhistoriker. Führte Ihr Weg von der Körpergeschichte zur Geschlechtergeschichte?

Die Körpergeschichte habe ich über meine Forschungen zum Soldatenkörper in der Frühen Neuzeit seit Mitte der 1990er Jahre entdeckt.[2] Die Schmerz- und Krankheitserfahrung von Söldnern oder Offizieren waren Themen weiterer Aufsätze.[3] Die Selbstzeugnisse, mit denen ich damals arbeitete, verwiesen gleichzeitig auf die diskursive Herstellung des Körpers in diesen Texten – und damit auf spezifische Möglichkeiten und Grenzen der Erkenntnis. Das Werk von Michel Foucault wirkte für mich dabei als Warnschild gegenüber der Leichtgläubigkeit, man könne unmittelbar zu den Empfindungen der historischen Subjekte vordringen.

Erst ein methodisch überzeugender Vergleich mit Selbstzeugnissen von militärisch aktiven Frauen, die es ja – nicht nur "undercover" - in vielen Marinen und Heeren der Frühen Neuzeit gab, könnte die Frage der geschlechtsspezifischen Körpererfahrung klären. Dafür wäre die Zeit der Französischen Revolution besonders geeignet. Jedenfalls bleibe ich derzeit eher skeptisch, was die Annahme sehr eindeutig definierbarer Körpererfahrungen von Männern bzw. Frauen betrifft, die seit den 1980er Jahren immer wieder behauptet wurde. Viele dieser Deutungen kommen mir essentialistisch vor und stützen oft einen Alltagsdiskurs, der die Unterschiede zwischen Männern und Frauen überzeichnet. Die Körpergeschichte war für mich also nur ein weiterer unter mehreren Wegen zur Geschlechtergeschichte. Der Stellenwert des Körpers ist in den Selbstdefinitionen der historischen Subjekte früherer Epochen nach meinem Eindruck sicher geringer als in späteren Zeiten. Medizingeschichtlich erwies sich das Interesse an Patientengeschichte als ein guter Weg zur "Männergeschichte". Hier erlauben andere Quellen wesentlich substantiellere Einblicke in einen anderen Ausschnitt der Körpererfahrungen.[4]


Die Frauengeschichte als Teil der Geschlechtergeschichte hatte großen Einfluß auch auf nicht wissenschaftliche Themen wie z.B. (Arbeits-)Politik, Selbstreflexion, Ehe & Beziehung. Hat Männergeschichte für Sie auch ein solches sozialpolitisches bzw. kulturelles Ziel? Salopp ausgedrückt: Braucht der Mann von heute Männergeschichte?

Es ist schwer, über die Wirkungen von "Männergeschichte" zu einem Zeitpunkt zu schreiben, zu dem sie noch in den Kinderschuhen steckt. Außerdem bin ich davon überzeugt, daß dieses Forschungsfeld über lange Zeiten relativ schwach bleiben wird, weil die Benachteiligungen von Männern weniger stark als diejenigen für Frauen waren und sind. Außerdem kommen die männerspezifischen Probleme – wegen eines einseitig auf Stärke, Selbstbehauptung und Konfliktlösung ohne fremde Hilfe verengten Männlichkeitsleitbildes - nicht zur Sprache. Folglich gibt es keinen vergleichbar artikulierten oder artikulierbaren Leidens- und Emanzipationsdruck, der u.a. auch die (Frauen-)Geschichtsschreibung beflügelte. Die wichtige Ausnahme sind natürlich die Homosexuellen, die ebenfalls erhebliche Diskrimierungserfahrungen machen und deshalb für die Entwicklung von "Männergeschichte" weltweit eine Vorreiterrolle gespielt haben. Es ist kein Zufall, daß für deren Geschichte bereits eine Studieneinführung vorliegt.[5]

"Männergeschichte" bietet also ebenso Stoff zur Reflexion, wie die Frauengeschichte. Wenn sich die "Männergeschichte" auch nur etwas der wichtigen, öffentlich diskutierten Themen wie z. B. Erziehung, Gewalt oder Gesundheitsverhalten annähme, dann hätte sie auch eine Chance, etwas zur kulturellen Selbstverständigung unserer Gesellschaften beizutragen. Um Ihre Frage aufzugreifen: Der Mann von heute braucht natürlich ebensoviel oder -wenig Geschichte wie die Frau – aber nach meinem Verständnis geht es natürlich jedem besser, der seine Geschichte kennt! Hätten Sie von einem Historiker eine andere Antwort erwartet?

Man kann das an einem Beispiel verdeutlichen: Die Lebenserwartung von Männern ist im Vergleich zu derjenigen der Frauen bekanntlich erheblich geringer; außerdem vergrößert sich dieser Unterschied in den Industrieländern noch. Immerhin ist das ein ziemlich aussagekräftiger Hinweis auf steigende geschlechtsspezifische Lasten des Daseins.

Das hat neben demographisch feststellbaren, offenbar biologischen (!) Unterschieden, die bereits mit der Geburtenzahl und der Zahl der Totgeburten, der Säuglingssterblichkeit etc. beginnen, eine historische Dimension: Ein Teil des Unterschiedes in der Lebenserwartung ist schon seit den ersten Zahlenreihen des 16. Jahrhunderts beobachtbar, also ein Phänomen sehr langer Dauer. Seit der Industrialisierung nimmt der Unterschied dann aber erheblich zu. Will man heute geschlechtssensible Gesundheitspolitik machen, dann muß man also diese drei Aspekte im Blick behalten – anderenfalls gäbe man sich Illusionen hin: Änderungen des männlichen Gesundheitsverhaltens, das weitgehend durch die Illusionen der männlichen Härte, der grenzenlosen Leistungsfähigkeit ihres Körpers, der Nichtbeachtung von Schmerzen und der Nicht-Inanspruchnahme von Hilfe geprägt ist, können nur einen Teil des Differentials wettmachen. Historische Forschung könnte also dazu beitragen, unzutreffende – aber leider gängige - Vorstellungen zu relativieren und damit gesundheitspolitische Fehlsteuerungen zu vermeiden.

Aber vielleicht dachten Sie eher an das soziokulturelle Projekt des Umbaus der Geschlechtergeziehungen: Natürlich läßt sich die flache kulturpessimistische Kritik an der derzeitigen Ausdifferenzierung von Lebensstilen und der parallelen Individualisierung sehr gut durch Verweis auf historisch andere Formen von Männlichkeit und Mannsein, Weiblichkeit und Frausein demontieren. Auch käme dem Gender-Mainstreaming, das in der EU seit den Maastricht-Vertragen als Regierungspolitik festgeschrieben ist und derzeit umgesetzt wird, historische Reflexion sehr zugute.


Befindet sich die Männergeschichte momentan im "Aufholstadium" des becoming visible wie es die Frauengeschichte in den 1970er Jahren war? Wendet sie sich (deshalb) bewußt ab vom Miteinbezug des weiblichen Geschlechts? Oder kann die neue Männergeschichte von den bisherigen Errungenschaften der Frauen- bzw. Geschlechtergeschichte profitieren und auf einen "fahrenden Zug" aufspringen?

Ob die "Männergeschichte" derzeit im Stadium des "becoming visible" ist, mögen andere später entscheiden. Ich habe nicht den Eindruck, daß sie sich – bewußt oder unbewußt – von der Einbeziehung des weiblichen Geschlechts abwendet. Vielmehr sind die wenigen Forschenden in diesem Feld von der Geschlechtergeschichte inspiriert und geprägt. Gleichzeitig sind sie damit befaßt, mögliche Gegenstände und Themenzuschnitte auszuprobieren.

Das leitende Forschungsparadigma der hegemonialen Männlichkeit beinhaltet außerdem sowohl die Frage nach den andern - subalternen oder dominanten – Männern bzw. Männlichkeitsleitbildern wie auch nach der Rolle der Frauen und Weiblichkeitsvorstellungen. Insofern geht dieser Ansatz mindestens so weit wie der Genderbegriff. Ich würde mir deshalb weniger Sorgen um Abgrenzung machen. Überhaupt halte ich diesen Denkansatz für ziemlich unproduktiv. Schließlich sind die Themen für historische Forschung kein Nullsummenspiel, bei dem unbedingt eine(r) etwas verlieren muß, wenn ein anderer etwas gewinnt. Vielmehr sollte man diese Entwicklung in der Forschung als vorteilhaft für alle betrachten: Mehr Forschung zu Männern als Geschlechtswesen bereichert die gesamte Geschlechtergeschichte. Das gilt auch für die Geschichte der Homosexualitäten, die besonders für Geschlechtszuschreibungen über "Geschlechtergrenzen" hinweg sensibilisiert hat.

Aufgrund des großen Nachholbedarfs der "neuen Männergeschichte" ist es nichtsdestoweniger legitim, daß sich einige Forscher und Forscherinnen vorrangig den Männern zuwenden. Außerdem scheint mir bei nicht wenigen Studien zur "Geschlechtergeschichte" der nicht ausschließlich die Frauen betreffende Teil oft eher klein zu sein.


Im Vorwort zu "Hausväter, Priester und Kastraten" schreiben Sie, daß Methode und Ansätze für die Männergeschichte der Geschlechtergeschichte entnommen sind: Gibt es dennoch spezifischere Arbeitsweisen, die sich speziell für die Männergeschichte eignen?

Es kommt darauf an, was man unter Methoden und Ansätzen versteht. Meine damalige Formulierung war etwas ungenau. Ich meinte im wesentlichen, daß sich die Männergeschichte inhaltlich und z. B. in der Art, Quellen gegen den Strich zu lesen, sowie Quellen "neu" zu entdecken bzw. alte Quellen neu zu lesen, von der Geschlechtergeschichte weiterhin inspirieren lassen sollte.

Ansonsten kann in diesem sehr jungen Forschungsfeld Innovation von Fallstudien kommen, die sich detailliert mit den Texten und den lokalen Kontexten befassen und daraus weitergehende Fragestellungen entwickeln. Außerdem habe ich den Eindruck, daß in dem entstehenden Feld aufgrund seiner geringen Dimension derzeit die Interdisziplinarität noch sehr gut funktioniert. Vielleicht ist das eine Chance.


Was sind die bisherigen Errungenschaften der Männergeschichte und was muß Ihrer Meinung nach in/mit dieser Disziplin noch getan werden?

Ich habe mit Ihrem Begriff der "Errungenschaften" deshalb Schwierigkeiten, weil er üblicherweise Zuordnungen bestimmter Leistungen zu bestimmten Akteuren nahelegt. Ich neige aber dazu, jedes gute Buch, das etwas zur Geschichte von Männern und Männlichkeit beiträgt, als nützlich für das Feld zu betrachten – aber ist es dann eine "Errungenschaft" des Feldes? Bekanntlich sind im deutschen Sprachraum die größten "Errungenschaften" bisher von einigen Historikerinnen produziert worden (U. Frevert, A. Ch. Trepp, R. Habermas).[6] Einschlägige Monographien von Historikern kommen gerade erst heraus. Mir hat besonders der Beitrag eines Literaturhistorikers gefallen, Walter Erhart "Familienmänner. Über den literarischen Ursprung moderner Männlichkeit" (München 2001), weil er für Historiker ein guter Anlaß wäre, über die Erzählstruktur der von ihnen benutzten Quellen mehr nachzudenken. Auch sind die von ihm herausgearbeiteten Wechselwirkungen zwischen "wissenschaftlichen" und literarischen Diskursen faszinierend. Die Arbeit des holländischen Historikers Harry Oosterhuis über "Stepchildren of Nature. Krafft-Ebing, Psychiatry and the Making of Sexual Identity (Chicago 2000) fand ich sehr anregend zum Thema Sexualität von Männern.

Die verschiedenen deutschsprachigen Sammelbände und Zeitschriftensonderhefte zeigen aber bereits ganz gut, wohin die Tendenzen gehen. Daneben gibt es vor allem reichhaltige Anregungen aus der englischsprachigen Welt, die ich u.a. in meinem Beitrag zur Züricher Historikerinnentagung im Februar 2002 angesprochen habe.[7] In diesem Sprachraum sind übrigens die Männer selbst sehr viel aktiver an der Entwicklung des Feldes beteiligt.

Zukunftsweisend für den deutschsprachigen Raum scheinen mir die regelmäßigen Tagungen des Arbeitskreises für interdisziplinäre Männer- und Geschlechtergeschichte zu sein, denn sie bieten das notwendige Forum für einen verstärkten Austausch zwischen den zumeist noch sehr vereinzelten Forschenden. Vom 7. bis 9. November findet die zweite Tagung in Stuttgart statt (www.ruendal.de/aim/gender.html). Bereits bei der ersten Tagung im Februar 2001 hatten wir den Eindruck, daß eine ganze Reihe Forschungen zu Männlichkeit und Männergeschichte entstehen. Diesmal fällt der stark gestiegene Anteil der Beiträge von Historikern und Historikerinnen auf. Das scheint auf einen Entwicklungsschub innerhalb dieser Disziplin zu verweisen. Die Papiere werden im Netz veröffentlicht, so daß sich jeder vorab gut informieren kann. Diese offene Arbeitsform betrachte ich ebenfalls als eine "Errungenschaft", da sie die gegenseitige Qualifizierung optimal befördert.

Von einer "Disziplin" würde ich hinsichtlich der "Männergeschichte" nicht sprechen, vielmehr bezeichnet dieses Label – ähnlich wie die sonstige Geschlechtergeschichte - eine durchgehende Forschungsperspektive.


Weshalb glauben Sie, ist die neue Männergeschichte in Deutschland noch nicht so etabliert?

Hier muß zunächst zwischen einigen Universitäten in den beiden kleineren deutschsprachigen Ländern, die schon früher zur Männergeschichte geforscht haben, und Deutschland unterschieden werden. Für das Fach Geschichte läßt sich seit kurzem beobachten, daß nun auch an einigen wenigen (bundes-)deutschen Universitäten Seminare zu "männergeschichtlichen" Themen stattfinden und daraus entsprechende Forschungen hervorgehen. Das ist vielleicht ermutigend, allerdings sind dies nur erste, sehr kleine Schritte. Im Vergleich zu der in diesem Themenbereich sehr viel aktiveren Soziologie, zur Psychologie und verwandten Fächern sowie zu den Literaturwissenschaften und der europäischen Ethnologie geschieht im Fach Geschichte noch sehr wenig. In den interdisziplinären Zentren der erstgenannten Fächer sind Geschlechterhistoriker(innen) zu selten präsent.

Das hängt natürlich mit den spezifischen Konservatismen des Fachs Geschichte in der Bundesrepublik Deutschland zusammen: Traditionell dreht sich fast alles – und seit 1989 wieder verstärkt - um einen gehätschelten Kern von Politikgeschichte, der der Sozialgeschichte nie viel Raum ließ. Die in Lehrstühlen institutionalisierte Sozialgeschichte (ganz zu schweigen von der sogenannten Wirtschafts- und Sozialgeschichte) selbst interessiert sich aktuell ebenfalls wieder mehr für – politische – Herrschaft in einem zu engen Sinn, als sie das schon seit eh und je tat. Ansonsten steht sie insgesamt nicht gerade an der Spitze des methodischen (z. B. historisch-anthropologischen) Fortschritts in der Welt. Die verspätete und nur geringfügige Institutionalisierung von Geschlechtergeschichte an deutschen Universitäten erwies sich als weiteres Wachstumshindernis. Karrierechancen für Doktoranden werden in den traditionellen Bereichen in sehr viel höherer Zahl eröffnet.

Weiterhin zeichnet sich die bundesdeutsche Universität von ihrem Selbstverständnis her durch eine große Distanz zu gesellschaftlichen Diskussionen aus – und die Historikerkollegen wundern sich dann, wenn ihnen die Lehrstühle gestrichen werden, weil sich kein Ministerialbeamter mehr vorstellen kann, wofür man bestimmte Stellen eigentlich braucht. Ansonsten gibt es natürlich keinerlei Lobby für die Etablierung von "Männergeschichte als Geschlechtergeschichte".


Die Gender Studies werden immer wieder und immer mehr von der Soziobiologie und Evolutionspsychologie in Frage gestellt. In diesem Zusammenhang schreibt Joan W. Scott in ihrem Aufsatz "Die Zukunft von Gender – Fantasien zur Jahrtausendwende", die Kategorie Gender stoße an ihre Grenzen: Da sie sich strikt von der Natur, dem biologischen Geschlecht abgrenzt, vermöge diese Kategorie nicht mit der nun anfallenden Arbeit (der Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlicher Sozialforschung) umzugehen. Was meinen Sie zu Scotts Einschätzung? Betrifft dies auch die neue Männergeschichte oder stellt sich hier die Frage noch nicht in dieser Form, da die neue Männergeschichte zuerst noch Anderes aufzurollen hat?

Scott bezieht sich auf den amerikanischen Diskussionszusammenhang und hat mit ihren Warnungen natürlich recht. Die massive Tendenz, die Geschlechterdifferenz wieder vorrangig biologisch zu fundieren, ist natürlich ein Versuch, die in den letzten Jahrzehnten bevorzugten kulturellen Argumentationsweisen durch eine Renaturalisierung der Differenz von Mann und Frau zu ersetzen. Allerdings ist der Diskurs im weniger szientistisch und wissenschaftsgläubig geprägten Deutschland noch nicht so weit gediehen. Immerhin gibt es ihn auch bei uns, und man sollte ihn als politische Herausforderung annehmen.

Für den wissenschaftlichen Bereich verweist der Erfolg dieser Tendenzen auf eine Schwäche der eigenen Position, die in der Tat zu reflektieren ist. Es geht eben nicht an, mit dem Hinweis auf Kultur alles andere als bedeutungslos abzuwerten. Vielmehr wird man in Zukunft stärker die Erkenntnisse der Biowissenschaften zur Kenntnis nehmen müssen. Das setzt eigene Qualifizierung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und Offenheit voraus – bei der übrigens auch die Nicht-Historiker eine Menge über die Funktionsweise ihrer eigenen Wissenssysteme lernen könnten. Ich habe deshalb weiter oben bei den Überlegungen zum wachsenden geschlechtsspezifischen Differential in der Lebenserwartung auch sehr bewußt auf die unterschiedlichen biologischen Vorgaben als einen von drei Aspekten hingewiesen (den ich übrigens selbst bisher ebenfalls unterschätzt habe, wie mir eine befreundete Ärztin aus Zürich kürzlich sehr klar machte).[8]

Allerdings muß man sich daran gewöhnen, daß unter heutigen Bedingungen Geistes- oder Sozialwissenschaftler nicht mehr aus einer Position der Stärke in diesen Dialog gehen. Das ist ein Teil des Verlustes der gesellschaftlichen Definitionsmacht einer der ideologieproduzierenden Professionen – der natürlich auch die gesellschaftlich innovativen Geschlechterhistorikerinnen und –historiker mit trifft. Diese Auseinandersetzung ist allerdings schon etwas älter als die ersten Ansätze zu einer frühen "Frauengeschichte" um 1900.

Aber auch hier bin ich weniger alarmiert, da ich nicht immer in Gewinn- und Verlustrechnungen denken will: Dazulernen kann man immer, und das Anlegen von Scheuklappen ist der erste Schritt zum Verlust gesellschaftlicher Bedeutsamkeit – eben auch innerhalb der Geschlechtergeschichte. Der Wettbewerb für eine entsprechende kategoriale Weiterentwicklung des Feldes ist also offen. Mal sehen, wer einen guten neuen Vorschlag macht.


Was machen Sie zur Zeit zum Thema Männergeschichte?

Neben der Organisation der nächsten Tagung des Arbeitskreises AIMGEnder forsche ich zur Geschichte der Männergesundheit und arbeite an einer Aufsatzsammlung zu Männern aus den Jahren zwischen 1500 und 1850 sowie an einem Buch zu Bettine von Arnim als Patientin - Sie sehen, ich versuche die geschlechtergeschichtliche Parität zu wahren.



1 Vgl. M. Dinges: Der Maurermeister und der Finanzrichter. Ehre, Geld und soziale Kontrolle im Paris des 18. Jahrhunderts (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 105), Göttingen 1994 (Kapitel 10).

2 M. Dinges: Soldatenkörper in der Frühen Neuzeit - Erfahrungen mit einem unzureichend geschützten, formierten und verletzten Körper in Selbstzeugnissen, in: R. van Dülmen (Hg.): Körpergeschichten, Frankfurt M. 1996, S. 71-98.

3 Veröffentlicht ist nur M. Dinges: Schmerzerfahrung und Männlichkeit - Der russische Gutsbesitzer und Offizier Andrej Bolotow (1738-1795), in: Medizin, Gesellschaft und Geschichte 15 (1997), S. 55-78.

4 M. Dinges: Männlichkeitskonstruktion im medizinischen Diskurs um 1830. Der Körper eines Patienten von Samuel Hahnemann, in: Jürgen Martschukat (Hg.): Geschichte schreiben mit Foucault, Frankfurt M. 2002, S. 99- 125.

5 Hergemöller, B.-U., Einführung in die Historiographie der Homosexualitäten, Tübingen 1999.

6 Ich nennen diese Namen, obwohl mich feministische Historikerinnen vor unerwünschten "Vereinnahmungen" von Kolleginnen für eine "neue Männergeschichte" gewarnt haben. Vereinnahmung liegt mir fern, fachliche Qualität würde ich gern aber weiterhin ohne Ansehen der Person oder ihres biologischen Geschlechts herausstellen können.

7 M. Dinges: Stand und Perspektiven der "neuen Männergeschichte" (Frühe Neuzeit), in: Marguérite Bos u.a. (Hg.): Erfahrung: Alles nur Diskurs?, Zürich 2003 (im Druck).

8 Ein Beispiel für Schwächen in dieser Hinsicht ist: M. Dinges: Männergesundheit in Deutschland: Historische Aspekte, in: Günther Jacobi (Hg.): Praxis der Männergesundheit, Stuttgart 2002, S. 24-33.

 



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