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Arbeitskreis für interdisziplinäre Männer- und Geschlechterforschung -
Kultur-, Geschichts- und Sozialwissenschaften

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(© 1999-2009,
Erik Ründal)
 

 

Harry Oosterhuis: Stepchildren of Nature. Krafft-Ebing, Psychiatry, and the Making of Sexual Identity, Chicago UP Dec. 2000. (30 USD/19 engl. Pfund)
Diese Publikation ist in mehrfacher Hinsicht für die Neue Männergeschichte interessant: Der niederländ. Historiker Oosterhuis rekonstruiert die Entstehung der "Psychopathia sexualis", bekanntlich ein - wenn nicht das Grundlagenwerk - für ein "modernes" Verständnis von sexueller "Devianz", "Homosexualität" etc. Dazu wird zunächst Lebenslauf und Berufsweg des Arztes und Psychologen Krafft-Ebing dargestellt, dann die Professionsgeschichte der jungen Disziplin und ihrer Kämpfe kontextualisiert. Vor diesem soliden biographischen und sozialhistorischen Hintergrund situiert Oosterhuis das Werk: Zunächst ganz aus forensischen und naturwissenschaftlich medizinischen Zielsetzungen entstanden, zielt Krafft-Ebings Deutung der sexuellen Sonderformen im Laufe seines Lebens mehr auf ein psychologisches Verständnis. In seinen Publikationen (Artikeln zu einzelnen "Krankheiten" und den vielen Auflagen der Psychopatia) verwendete er massiv Krankengeschichten. Diese sind zwar anfangs - zunächst fremde, dann eigene - ärztliche Berichte. Nach Veröffentlichung der ersten Auflage der Psychopatia erhält K-E aber immer mehr Briefe, die als Selbstzeugnisse der fast ausschließlich männlichen Absender zu lesen sind. Dementsprechend ändern sich auch die berichteten Inhalte: Unterschichtvertreter, die zwangsweise gerichtsmedizinisch untersucht wurden oder in eine Anstalt eingewiesen waren, sprachen anders über ihre Sexualität als die gebildeten und wohlhabenden Briefschreiber, die sich oft als Privatpatienten an den nunmehr renommierten Arzt wandten.
Oosterhuis hat dieses faszinierende Material gründlich ausgewertet: Er kann neben der sozialen Zusammensetzung der Briefschreiberschaft den Wandel ihrer Motivationen zum Schreiben, ihres Selbstverständnisses, ihrer Praktiken etc. rekonstruieren. Es gibt m.E. keine vergleichbar dichte Studie zur Erfahrung von Sexualität um die Jahrhundertwende. Die Verknüpfung mit der Medizingeschichte ist auch deshalb besonders gelungen, weil O. zeigen kann, wie sich die ärztlichen "Krankheitsdefinitionen" in engem Zusammenhang mit dem Briefwechsel entwickeln: Die Patienten definieren also die Krankheit sehr wohl mit. Sie sind "articulate sufferers".
Kleine Anmerkung von mir: Oosterhuis hätte deshalb das Foucaultsche Diskursverständnis gar nicht in Bausch und Bogen zurückweisen müssen, denn dieses ist weniger machtgesättigt und einseitig, als es die mittlere Foucaultsche Werkphase nahelegte.
Insgesamt kann ich das Buch nur allen zum Lesen empfehlen, die sich mit Männlichkeit, Sexualität und den Diskursen der Medizin und Psychologie befassen. Glänzend geschrieben ist es auch noch.
M. Dinges

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