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Harry Oosterhuis: Stepchildren of Nature. Krafft-Ebing, Psychiatry,
and the
Making of Sexual Identity, Chicago UP Dec. 2000. (30 USD/19 engl. Pfund)
Diese Publikation ist in mehrfacher Hinsicht für die Neue
Männergeschichte
interessant: Der niederländ. Historiker Oosterhuis rekonstruiert die
Entstehung der "Psychopathia sexualis", bekanntlich ein - wenn
nicht
das Grundlagenwerk - für ein "modernes" Verständnis von
sexueller "Devianz", "Homosexualität" etc. Dazu wird
zunächst Lebenslauf und Berufsweg des Arztes und Psychologen
Krafft-Ebing
dargestellt, dann die Professionsgeschichte der jungen Disziplin und ihrer
Kämpfe kontextualisiert. Vor diesem soliden biographischen und
sozialhistorischen Hintergrund situiert Oosterhuis das Werk: Zunächst
ganz
aus forensischen und naturwissenschaftlich medizinischen Zielsetzungen
entstanden, zielt Krafft-Ebings Deutung der sexuellen Sonderformen im Laufe
seines Lebens mehr auf ein psychologisches Verständnis. In seinen
Publikationen (Artikeln zu einzelnen "Krankheiten" und den vielen
Auflagen der Psychopatia) verwendete er massiv Krankengeschichten. Diese sind
zwar anfangs - zunächst fremde, dann eigene - ärztliche Berichte.
Nach Veröffentlichung der ersten Auflage der Psychopatia erhält K-E
aber immer mehr Briefe, die als Selbstzeugnisse der fast ausschließlich
männlichen Absender zu lesen sind. Dementsprechend ändern sich auch
die berichteten Inhalte: Unterschichtvertreter, die zwangsweise
gerichtsmedizinisch untersucht wurden oder in eine Anstalt eingewiesen waren,
sprachen anders über ihre Sexualität als die gebildeten und
wohlhabenden Briefschreiber, die sich oft als Privatpatienten an den nunmehr
renommierten Arzt wandten.
Oosterhuis hat dieses faszinierende Material gründlich ausgewertet: Er
kann neben der sozialen Zusammensetzung der Briefschreiberschaft den Wandel
ihrer Motivationen zum Schreiben, ihres Selbstverständnisses, ihrer
Praktiken etc. rekonstruieren. Es gibt m.E. keine vergleichbar dichte Studie
zur Erfahrung von Sexualität um die Jahrhundertwende. Die
Verknüpfung
mit der Medizingeschichte ist auch deshalb besonders gelungen, weil O. zeigen
kann, wie sich die ärztlichen "Krankheitsdefinitionen" in
engem
Zusammenhang mit dem Briefwechsel entwickeln: Die Patienten definieren also
die Krankheit sehr wohl mit. Sie sind "articulate sufferers".
Kleine Anmerkung von mir: Oosterhuis hätte deshalb das Foucaultsche
Diskursverständnis gar nicht in Bausch und Bogen zurückweisen
müssen, denn dieses ist weniger machtgesättigt und einseitig,
als es die mittlere Foucaultsche Werkphase nahelegte.
Insgesamt kann ich das Buch nur allen zum Lesen empfehlen, die sich mit
Männlichkeit, Sexualität und den Diskursen der Medizin und
Psychologie befassen. Glänzend geschrieben ist es auch noch.
M. Dinges
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