AIM GENDERArbeitskreis für interdisziplinäre Männer- und
Geschlechterforschung -
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Stefan Zahlmann und Sylka Scholz: Scheitern und Biographie. Die andere Seite moderner Lebensgeschichte. Gießen: Psychosozial-Verlag (2005); 30 Euro.
Dieser Sammelband greift ein Thema auf, das in Zeiten der Globalisierung immer aktueller wird: Nicht einmal mehr bei Universitätsabgängern folgt auf das Studium mit Sicherheit ein - oft - lebenslanges Beschäftigungsverhältnis. Auch die privaten Aspekte bisheriger "Normalbiographien" entsprechen immer seltener dem hergebrachten Standard. Gleichzeitig gewinnt das früher eher schamvoll verschwiegene Scheitern ein gewisses öffentliches Interesse und wird medial inszeniert. Ob in heutigen Fernsehshows oder früheren Autobiographien, für die Person selbst und gegenüber Dritten entsteht der Bedarf, die Abweichung von der implizit vorausgesetzten Modellbiographie eines öffentlich sichtbaren Erfolgs oder gar Glücks zu erklären: Diese "Sprachspiele des Scheiterns" charakterisiert Zahlmann in seiner Einleitung als "Kultur biographischer Legitimation". Scheitern definiert er als die "wahrgenommene Differenz zum gelungenen Leben". Traditionell wurden biographische Modelle des Erfolgs am Beispiel von Männern entwickelt, so daß die Beiträge dieses Bandes zum großen Teil das Scheitern von Männern betreffen. Mit der Ausnahme von Einzelfällen gestand man Frauen erst in den letzten Jahrzehnten das Recht auf eine entsprechend konturierte Erfolgsbiographie zu. Diese ist aber weniger ausschließlich um "Arbeit und Leistung" als bei den Männern zentriert. Selbst für Wiener Nachwuchswissenschaftlerinnen zeigen Dressel und Langreiter anhand von Interviews, wie stark sich hier noch traditionelle geschlechtsspezifische Selbstzuschreibungen z. B. entlang der Achse aktiven vs. passiven, rationalen vs. emotionalen Umgangs mit Problemen halten. Männer deuten ihre Anpassungsleistungen an schwierige Umstände eher als planvoll herbeigeführt, während Frauen eher die von außen an sie herangetragenen Herausforderungen betonen. Der einzige andere Artikel, der vorrangig Erfahrungen von Frauen betrifft, greift das Scheitern einer Führungskraft in Verwaltungen der neuen Bundesländer auf (Dreke), das sich die Betroffene mit Hilfe einer Fremdheitskonstruktion der Ostdeutschen erklärt. Lebensgeschichtliche Interviews sind auch die Grundlage weiterer Beiträge wie z. B. über das familiäre Scheitern erfolgreicher Manager (Liebold), die damit die Kehrseite ihres beruflichen Erfolgs thematisieren. Die zentrale Position von Leistung und Arbeit im Lebensentwurf von Männern führt zu ihrer Vereinseitigung, die immerhin als Defizit wahrgenommen wird. Ansonsten spielt die historische Rekonstruktion von Biographien eine große Rolle: Bähr zeigt am Beispiel des Literaten Stäudlin, der sich 1796 umbrachte, die fatale, aber auch entlastende Übernahme des damals neuen moralischen Diskurses über das Scheitern. Er stellte dem Individuum die Argumente bereit, die es erlaubten, sogar eine Selbsttötung als ethisch zu begründen. Herres und Roth präsentieren Karl Marx weniger als einen Fall der Differenz zwischen lebensgeschichtlichem Scheitern - persönliche Tragödien, Schreibhemmungen und Schulden - und späterer Bedeutung. Statt dieses heroisierenden Narrativs kontrastieren sie aufschlußreich Marxens Selbstdeutung seines Scheiterns mit der Kapitalismuskritik seines Werkes. Kessel stellt an Sebastian Hensel einen in verschiedenen Stationen seiner Tätigkeit immer wieder innovativen und durchaus erfolgreichen Berliner "Bildungsbürger, Landwirt und Hoteldirektor" vor. Sein berufliches "Umsatteln" widersprach aber der konstitutiven Vorstellung einer aufsteigenden Linie des männlichen Lebenslaufes, so daß er autobiographisch dieses spezifische Scheitern gewissermaßen umdeuten mußte. Um "Religion, Nation und Generation" geht es im zweiten Hauptteil. Deutungen des beruflich/religiösen Scheiterns zweier Juden analysiert Carl am Beispiel von Chr. Sal. Duitsch und Salomon Maimon. Individuelle Schuldzuschreibungen werden dabei unterschiedlich gehandhabt. Reulecke beschreibt die recht späte und schmerzhafte Verarbeitung des politischen Scheiterns der Freideutschen, die sich aber als Gruppe dieser Herausforderung gemeinsam stellten. Pöppinghege greift das Tabu auf, die Gefangennahme im Krieg, insbesondere nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg, zu thematisieren. Er deutet es als Folge des besonders starken Verbots, eine doppelte Niederlage im individuellen männlichen Leben und in einer öffentlichen Rolle als Kriegsheld zu benennen. Küberger interpretiert das männliche Scheitern der deutschen Kriegsheimkehrer mit dem Auftreten der amerikanischen Besatzungssoldaten. Neben der individuellen Komponente könne dies auch als Sieg eines demokratischen Männlichkeitstyps über den älteren autoritären deutschen Habitus gedeutet werden. In einem Gespräch äußert sich Gilman zur besonderen Abwehr der nordamerikanischen Literatur und Kultur gegenüber dem Scheitern. Ein letzter Teil behandelt das Lob des Scheiterns. Utz Jeggle trägt in seinem Beitrag "Scheitern lernen" Beispiele aus der Geistesgeschichte zusammen, die es erlauben, einen lernfähigen Modus des Scheiterns von unproduktiven Formen abzugrenzen. Dem korrespondiert Meuelers retrospektiver autobiographischer Beitrag mit Erfahrungen aus Kirche und Erwachsenenbildung. Die Mitherausgeberin Scholz analysiert die "Berliner Show des Scheiterns" und den "Club der Polnischen Versager" als Suche nach Formen des öffentlichen Umgangs mit dem Thema und entwickelt abschließend Perspektiven für die weitere Genderforschung zum Scheitern. Insgesamt bietet dieser Band mit seinen unterschiedlichen disziplinären Sichtweisen methodisch vielschichtige Anregungen für eine geschlechtersensible Biographieforschung. Hier wird nicht zuletzt die Binnenseite moderner hegemonialer Männlichkeit - sowohl historisch als auch im Moment ihrer definitiven Aushöhlung durch das Ende der fordistischen Arbeitsgesellschaft und eine Neuverteilung der Arbeitsmärkte zwischen Männern und Frauen - thematisiert. Dabei werden spezifische Barrieren gegen und Potentiale für Veränderungen des Geschlechterverhältnisse sichtbar gemacht. Eine anregende, gut lesbare und auch persönlich bereichernde Lektüre. Martin Dinges
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